Chef Schulz bläst zum Angriff

Auch wenn man vorsorglich auf Konfetti verzichtet hat und "Gottkanzler"-Shirts kaum mehr zu sehen sind, man steht hier nach wie vor zu "Martin"; der lange Applaus soll ihm den Rücken stärken". Von Martin Schulz wird nahezu Unmögliches erwartet. SPD-Chef Martin Schulz hatte die Gleichstellung homosexueller Paare auf dem Parteitag endgültig zur Koalitionsbedingung gemacht. So energisch Gerhard Schröder, der beste SPD-Wahlkämpfer überhaupt, die mit Händen zu greifende Verzweiflung mancher Genossen zu vertreiben suchte.

Als Herausforderungen nannte Schulz "die Frage, wie wir aus technologischen und wirtschaftlichen Innovationen sozialen Fortschritt machen", und "wie wir unsere Gesellschaft in einer Zeit rasanter Veränderungen zusammenhalten". Er hat genug anderes zu tun, ist jetzt Aufsichtsratschef des Fußballvereins Hannover 96, hält Vorträge, macht Geschäfte. "Nichts ist entschieden!", rief der auch äußerlich durchaus gealterte Schröder den 635 Delegierten und 5000 Gästen in der Westfalenhalle entgegen. "Leute, diese Partei gehört nicht zu Deutschland!". "Da geht nicht mehr viel". 14, je nach Umfrage auch mehr Punkte trennen die SPD von der CDU/CSU. Deren Wahlkampfverweigerung geißelte Schulz als "Anschlag auf die Demokratie". Aber vor der Wahl ist das nur hinter vorgehaltener Hand ein Thema. Er soll den Delegierten Kampfesgeist vermitteln, damit diese dann den Optimismus in ihre Ortsvereine weitertragen. Zweitens: Schulz gelingt mit seiner Rede ein rhetorisches Glanzstück, im besten Fall verknüpft mit einem vernichtenden Angriff auf Merkel.

Und mit fast schon gebrochener Stimme sagte er am Ende: "Für diese Idee habe ich mein ganzes Leben gekämpft".

Und Schröder liefert: Liest Schlagzeilen aus dem Sommer 2005 vor, als die SPD über 20 Prozentpunkte hinter der Union lag. Stellenweise wirkt Schulz dünnhäutig wie SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück auf den letzten Metern vor der Wahl 2013. "Ich erinnere mich immer an diejenigen, die den Amerikanern in jeden, auch in den Irakkrieg folgen wolten", spielte er auf Merkels Wohlwollen gegenüber der amerikanischen Intervention im Irak an. "Und wir waren dafür als Antiamerikaner beschimpft worden".

Schulz verwies auf die SPD-Forderungen nach "Gebührenfreiheit von der Kita bis zur Hochschule", nach dem "Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter", nach "Familienzeit, damit Familien wieder mehr gemeinsame Zeit haben". Doch dann rief Schröder seine Parteigenossen dazu auf, US-Präsident Trump kritisch gegenüberzutreten. Vor wenigen Wochen lag Schulz in Umfragen zeitweise sogar vor Merkel. Er warf Merkel vor, eine sinkende Wahlbeteiligung zu fördern und bezeichnete dies als "asymmetrische Demobilisierung". Schulz schimpfte und sprach von einem "Anschlag auf die Demokratie". Die SPD werde es der Union nicht durchgehen lassen, dass sie die Rente aus dem Wahlkampf heraushalten wolle. Der Sinn des Wahlkampfes sei es, Konzepte zu vergleichen.

Schulz wirft Merkel vor, sich inhaltlichen Debatten zu verweigern. Ein erfolgreiches Modell in den Jahren 2009 und 2013. Dabei seien für die SPD der Kompass die 'Grundwerte von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität'. Die CDU hingegen "wurstelt sich durch". "Vor diesem Hintergrund werden wir nach Vorlage der beiden Entscheidungen die Machbarkeit zur Wiedererhebung der Vermögensteuer prüfen", heißt es im Vorstandsbeschluss. Er sagte, er werde keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, in dem nicht die Ehe für alle stehe.

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