Theresa May droht der Verlust der absoluten Mehrheit

Die Wahl in Großbritannien hat ein "hung parliament" hervorgebracht - ein "Parlament in der Schwebe", in dem keine Partei eine absolute Mehrheit hat.

Labour-Chef Jeremy Corbyn hat Premierministerin Theresa May angesichts der Zitterpartie bei der Parlamentswahl zum Rücktritt aufgefordert. Ihre Konservative Partei musste bei den Unterhauswahlen starke Verluste hinnehmen, behauptete sich aber als stärkste Kraft.

Diese Regierung werde "Sicherheit" geben und Großbritannien "in dieser für unser Land schwierigen Zeit" vorwärts bringen, sagte May nach dem Besuch bei der Queen.

Jetzt ist es ganz offiziell: Die britische Premierministerin Theresa May hat mit ihrer konservativen Partei die Regierungsmehrheit im Parlament verloren.

Das Ergebnis: Bei den Wahlen, die in der Nacht zum Freitag ausgezählt wurden, gewannen die Konservativen keine Sitze hinzu, sondern verloren ihre absolute Mehrheit. Damit steht Großbritannien kurz vor Beginn der Brexit-Verhandlungen eine komplizierte Regierungsbildung bevor - entweder gibt es eine Minderheitsregierung, eine Koalition oder gar eine weitere Neuwahl.

Einer aktualisierten Prognose der BBC zufolge werden die Konservativen 318 der insgesamt 650 Sitze erreichen.

Die oppositionelle Labour-Partei gewann 29 Sitze hinzu und kommt auf 261 Sitze. Das Auszählungsergebnis wird erst für Freitagmorgen erwartet. In zehn Tagen beginnen die Brexit-Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien. Während Mays Beliebtheit Umfragen zufolge abnahm und sie sich mit roboterhaftem Auftreten den Spitznamen "Maybot" einfing, trauten immer mehr Briten dem kauzigen Corbyn zu, ein anständiger Premierminister zu sein. In einem Fernsehinterview bedauerte May zudem, dass so viele konservative Abgeordnete ihre Sitze im Parlament verloren hätten.

Ex-Finanzminister George Osborne bezeichnet die Prognose für May und ihre Konservativen als "komplett katastrophal". 2010 hatte Mays Vorgänger David Cameron eine Regierung mit den Liberaldemokraten gebildet, die dieses Mal aber nicht in Frage kommen, weil sie den Brexit vehement ablehnen. Und was heißt das für Brexit und EU?

Das ist "ein katastrophales Ergebnis" für die konservative Partei, sagte Azad Zangana, Volkswirt bei der Fondsgesellschaft Schroders.

Ukip-Chef Paul Nuttall trat darum zurück. Der 40-Jährige wurde in seinem Wahlkreis nur Dritter.

May bleibt im Amt und es gelingt ihr eine Koalition zu bilden. Die Daten sagten weiters für die Scottish National Party 34 und für die Liberaldemokraten 14 Sitze voraus. Auf sie entfielen bis dahin 308 Mandate, auf die Labour Partei 258. Im März war der Inhaber ihres einzigen Abgeordnetensitzes aus der Partei ausgetreten. Stattdessen ließ sie durchsickern, sie strebe eine Minderheitsregierung mit Duldung der nordirischen DUP (Democratic Unionist Party) an. "Natürlich werden wir mit ihnen (den Konservativen) über ihren Wunsch sprechen, eine Regierung zu bilden", sagte DUP-Politiker Jeffrey Donaldson der britischen Nachrichtenagentur PA zufolge. Er sei kein Regierungspolitiker, keiner, der in die Brexit-Verhandlungen gehen könne. Corbyn versprach hingegen 10.000 zusätzliche Polizisten.

EU-Ratspräsident Donald Tusk warnte vor einem Scheitern der Brexit-Verhandlungen. "Das ist eine Katastrophenwahl für May und bedeutet, dass ihr Versuch, die Unterstützung der Bevölkerung für den EU-Austritt, den Brexit, zu sichern, misslungen ist". Für eine absolute Mehrheit von 326 Sitzen wird es May nicht reichen. Die schottische Nationalpartei SNP hat 21 Sitze verloren, Ex-Parteichef Alex Salmond ist sein Mandat los.

Großbritannien hat ein reines Mehrheitswahlrecht. Kleine Parteien werden durch dieses Wahlsystem meist benachteiligt.

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