Spermien-Zahl bei europäischen Männern um die Hälfte gesunken

Steckt die moderne Welt in einer "Spermienkrise"?

Die Spermienanzahl geht zurück, doch noch müssen sich Männer keine Sorgen machen. "Eine Vielzahl von Berichten liegen dazu vor, die neue Studie stellt aber möglicherweise die Spitze des Eisbergs dar". Bei der Gesamtzahl der Spermien pro Samenerguss betrage der Rückgang laut den Wissenschaftlern sogar 59,3 Prozent. "Männer haben definitiv immer weniger Spermien", betont Studienleiter Hagai Levine, Vorstand des Instituts für Gesundheit und Umwelt an der Hebrew University in Jerusalem.

"Die Funktionalität der Spermien, ihre Beweglichkeit, aber auch morphologische Veränderungen wurden in dieser Analyse nicht berücksichtigt", gibt auch der Zellbiologe Artur Mayerhofer von der LMU München zu bedenken.

"Ob sich aus den Daten daher ableiten lässt, dass Männer somit wirklich unfruchtbarer geworden sind, bleibt offen", so die Einschätzung des Wissenschaftlers, der nicht an der Analyse beteiligt war. Womöglich weist sie trotzdem auf ein Problem hin, denn ebenfalls seit Jahrzehnten zeichnet sich dieser Trend ab.

Um ein objektives Bild zu erhalten, schlossen die Wissenschafter Studien aus, die bei zeugungsunfähigen oder chronisch erkrankten Männern durchgeführt worden waren.

Ist der westliche Lebensstil ungesund?

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Schlechte Nachrichten für die Männlichkeit: Männer aus Nordamerika, Europa, Australien und Neuseeland produzieren immer weniger Sperma. Aus diesen Teilen der Erde stammten aber nur 28 Prozent der Zählungen. Die Forscher rechneten nach eigenen Angaben mögliche andere Einflussfaktoren aus den Werten heraus. Laut der Anzahl der gefundenen Spermien (137,5 Millionen pro Samenerguss) ist der Mann im Durchschnitt nämlich noch weit von der Mindestgrenze an notwendigen Spermien (40 Millionen) entfernt. Diese Zahlen beziehen sich auf die Gruppe derjenigen, bei denen nicht festgestellt wurde, ob sie zeugungsfähig sind. Bei den Männern mit Kindern - also die alle nachweisbar fruchtbar waren - betrug der jährliche Rückgang bei der Anzahl pro Milliliter und der Gesamtzahl jeweils etwa 0,8 Prozent. Bei ihnen konnte kein signifikanter Trend erkannt werden.

Ko-Autorin Shanna Swan von der Icahn School of Medicine am Mount Sinai in New York (USA) sagt: "Diese eindeutige Studie zeigt zum ersten Mal, dass dieser Rückgang stark und anhaltend ist". Swan hatte im Jahr 2000 eine ähnliche, aber weniger umfangreiche Studie veröffentlicht. "Das legt nahe, dass schädliche Chemikalien in unseren Alltagsprodukten schuld sind", sagt Levine: "Unsere Studie ist ein Weckruf für Forscher und Gesundheitsbehörden, den Ursachen für diesen anhaltenden Rückgang auf den Grund zu gehen". Inwiefern deswegen die Fruchtbarkeit des Mannes sinke, könne die Studie nicht belegen, sagt Stefan Schlatt von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, der nicht an der Studie beteiligt war.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO gibt als Referenzwert für eine Unfruchtbarkeit eine Spermienzahl von 39 Millionen pro Ejakulat oder eine Konzentration von 15 Millionen Spermien je Milliliter Ejakulat an.

Die Spermienanzahl sei zwar maßgeblich bei der Beurteilung der Zeugungsfähigkeit. Allerdings spiele auch eine Rolle, wie beweglich die Spermien sind und ob sie vielleicht missgebildet sind - dies sei in der Studie nicht betrachtet worden. Aber auch das Handy in der Hosentasche ist unter den Verdächtigen. Deshalb muss immer häufiger mit künstlicher Befruchtung nachgeholfen werden.

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