Aachener Behörden verteilen Jodtabletten gegen Strahlung

In der Region Aachen hat am Freitag die vorsorgliche Verteilung von Jodtabletten für einen atomaren Ernstfall begonnen.

Wegen der Nähe zum umstrittenen Kernkraftwerk Tihange hatte die Region beim Land Nordrhein-Westfalen darauf gedrungen, die Bevölkerung bereits vor einem etwaigen Unfall mit den Tabletten zu versorgen. Keine 70 Kilometer liegen zwischen der deutschen Stadt und dem Kernkraftwerk, das wegen Sicherheitsbedenken umstritten ist. Sie sollen Bürger schützen, sollte es im nahen Atomkraftwerk Tihange in Belgien zu einem Unfall kommen.

Die Vorab-Verteilung ist bisher nur in Ausnahmefällen und für einen sehr eng begrenzten Bereich zugelassen worden. Am Freitag beginnt deshalb die Verteilung dieser Tabletten an die Einwohner. Sofort müssten über die Stadt verteilt und an fußläufig zu erreichenden Punkten Ausgabestellen eingerichtet werden, "und das in einer Zeit, wo nicht nur geringe Unruhe entsteht", beschreibt er die Herausforderung. Hoch dosierte Tabletten können die Schilddrüse mit nicht strahlendem Jod sättigen - also eine "Jodblockade" bilden. Sie können Bezugsscheine im Internet beantragen, die sie in beteiligten Apotheken einlösen. Sie bekommen Menschen, die jünger als 46 Jahre alt sind sowie Schwangere und stillende Frauen. "Wir appellieren, die Chance einfach jetzt zu nutzen und sich den Druck zu nehmen", sagte der Aachener Ausgabekoordinator Markus Kremer. Die Behörden rechnen damit, dass mehr als jeder Dritte das Angebot wahrnehmen wird. Es gebe eine hohe Sensibilität, hieß es.

In anderen Gegenden des Bundesgebiets werden die Tabletten zentral gelagert - und nur im Bedarfsfall ausgegeben. Die ist längst in die Apotheke gegangen und hat sich die Tabletten selbst gekauft. Die Eltern Mirco und Anika tragen die Tabletten immer im Portemonnaie bei sich - auch für ihre fünf und zwei Jahre alten Kinder. Was wäre denn mit ihrem schmucken Einfamilienhaus im Ernstfall, fragen sich die Vitrs: "Man hat eine Immobilie, zahlt ab". Auch im Bekanntenkreis sei ein drohender Atomunfall Thema. Erst im Juni hatten Zehntausende Menschen in der Grenzregion gegen die belgischen Atomkraftwerke demonstriert.

Durch die Verteilung der Tabletten verändert sich nach Meinung des Heidelberger Psychologen Joachim Funke das Risikoempfinden der Menschen in der Region.

Je nach Typ reagierten Menschen ganz unterschiedlich auf die Situation: Die einen würden mehr grübeln, die anderen meinten, sie hätten mit den Jodtabletten alles unter Kontrolle. "Denn mit den Jodtabletten habe ich ja nicht wirklich Kontrolle über das Geschehene", sagt Funke.

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