Türkei fordert Ende der Idlib-Offensive

Russland und der Iran als Verbündete der Regierung sowie die Türkei als Unterstützer der Opposition hatten die Provinz im vergangenen Jahr zu einer Deeskalationszone erklärt.

Die Türkei drängt auf ein Ende der syrischen Militäroffensive in der nordwestlichen Provinz Idlib.

Angesichts der Eskalation der Gewalt in Idlib rief die Türkei Russland und den Iran dazu auf, die syrische Offensive zu stoppen. Um dieser Umklammerung zu entgehen, fliehen die Menschen derzeit zu Zehntausenden nach Norden in Richtung türkische Grenze, das nächste humanitäre Desaster in diesem bald siebenjährigen Bürgerkrieg. "Wenn ihr Garantiemächte seid, und das seid ihr, müsst ihr das Regime stoppen", sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu der amtlichen Nachrichtenagentur Anadolu.

Die am 25. Dezember gestartete Offensive sei nicht einfach eine Luftoffensive, sagte Cavusoglu. "Das Regime dringt nach Idlib ein. Es hat eine andere Absicht". Etwa 40 Dörfer eroberte der IS in dieser Region, wie die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte schätzt.

Eine syrische Familie mit Koffern und Taschen vor einem Bus
Eine syrische Familie aus der Provinz Idlib verlässt die Provinz im Norwesten des Landes

Bei den schweren Luftangriffen in der Region wurden laut Aktivisten bereits viele Zivilisten getötet. Die türkische "Humanitarian Relief Foundation" spricht auf ihrer Facebook-Seite inzwischen von 150 000 Flüchtlingen, die sich auf das syrisch-türkische Grenzgebiet zubewegten.

Die Türkei unterstützt seit Beginn des Konflikts die Rebellen, näherte sich aber zuletzt Russland, das mit dem Iran die Regierung in Damaskus unterstützt. Der Streit um Idlib signalisiert nun aber eine abermalige Zunahme der Spannungen in dem Trio. Das türkische Außenministerium bestellte daher bereits am Dienstag den iranischen und den russischen Botschafter ein, um ihnen das "Unbehagen" der Türkei über die "Verletzung der Grenzen der Deeskalationszone in Idlib" zu übermitteln. Zudem ließ die türkische Führung durchblicken, man könne die von Kreml-Chef Wladimir Putin für den 29. und 30. Januar im russischen Badeort Sotchi anberaumte Konferenz des Nationalen Dialogs auch boykottieren, wenn die an Weihnachten begonnene Bodenoffensive gegen Idlib nicht gestoppt werde.

Doch die Lage in Idlib demonstriert, dass auch die Allianz mit Russland für die Türken nicht unkompliziert ist: Während Ankara vor allem die Kurden in Syrien aufhalten will, liegt die Priorität für Moskau in der Hilfe für den syrischen Staatschef Baschar al Assad. Sonst würden die PKK und ihre syrische Schwesterorganisation YPG dort einen "Syrien-Terrorkorridor" errichten, sagte der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden allein seit Dezember fast 100.000 Menschen aus diesem Gebiet vertrieben. Angriffe am Boden und Bombardierungen aus der Luft gefährdeten die Sicherheit von Hunderttausenden Zivilisten. Die nahe Türkei hat ihre Grenzen geschlossen. Hilfsorganisationen hätten Probleme, den wachsenden Bedarf an Hilfsgütern zu decken. Die meisten Vertriebenenlager hätten längst ihre Kapazität erreicht. Nicht nur sei Russlands Verhältnis zur Türkei angespannt, sondern auch zu Assad und Iran. Hier leben laut UN-Angaben 2,6 Millionen Menschen, gut eine Million von ihnen Binnenflüchtlinge aus anderen Teilen des Landes, vor allem aus dem vor einem Jahr geräumten Ost-Aleppo.

Im Nordosten Syriens wird sich die Lage in absehbarer Zeit ebenfalls zuspitzen: Ankara kündigte an, in die kurdischen Regionen Afrin und Manbij einmarschieren zu wollen.

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